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Unterschied zwischen Qigong und Taijiquan
Ein Interview mit Meister Jumin Chen
Chen: Ich komme aus Jilin, im Norden Chinas. Schon als kleines Kind wurde ich von meinem Vater, meinem Großvater und anderen namhaften Lehrern in die Geheimnisse der verschiedenen Formen und Stile der inneren Kampfkünste (Taiji Quan, Bagua, Xingyi) und des Qigong eingeweiht.
Kann man die Begriffe „Qigong“ und „Taiji“ adäquat ins Deutsche übersetzen?
Chen: Eine adäquate Übersetzung dieser Begriffe wird der Vieldeutigkeit der chinesischen Sprache nicht ganz gerecht. „Qi“ wird als Energie, als Antriebskraft aller physiologischen Abläufe im Organismus verstanden. „Gong“ bezeichnet die „Arbeit“ des Übenden. „Qigong“ bedeutet also „Arbeit mit Energie“, wobei der Mensch selbst aktiv wird und seinen Körper und Geist zur Gesunderhaltung und Therapie des gesamten Organismus trainiert.
Noch schwieriger ist eine entsprechende Übersetzung des Begriffes „Taiji“( im Westen auch „Tai Chi“ geschrieben) , was eine Abkürzung für „Taiji Quan“ („Tai Chi Chuan“) ist. Der Begriff stammt aus der klassischen chinesischen Philosophie des Daoismus. Man verbindet damit die Vorstellung eines Urgrundes, auf den die Entstehung der Welt zurückzuführen ist . Auf diesem Urgrund, einer Einheit von Materie und Energie, bilden sich die beiden polaren Kräfte Yin und Yang heraus, durch deren wechselseitige Interaktion der gesamte Kosmos entsteht. „Quan“ heißt einerseits „Faust“, bedeutet aber in diesem Zusammenhang „Kunst“.
„Taiji“ kann somit als die Kunst verstanden werden, durch Übung und unter Beachtung der Gesetze von Yin und Yang eine Verbindung zum Urgrund herzustellen, um mit dem Universum in Einklang zu kommen und somit ein hohes Maß an Harmonie und innerer Ausgeglichenheit zu erreichen.
Worin bestehen die Unterschiede zwischen Qigong und Taiji ?
Chen: Qigong und Taiji haben zwar Ähnlichkeiten, unterscheiden sich aber auch voneinander.
Beiden Disziplinen liegen Vorstellung, Geist, Energie und Form zugrunde, die sich zur harmonischen Übung vereinen. Das sind die gemeinsamen Ähnlichkeiten. Sie unterscheiden sich jedoch voneinander
1. aus den historischen Zwecken: Qigong, als eine Aktivität zur Gesunderhaltung von Geist und Körper, hat schon eine Geschichte von mehreren tausend Jahren. Die erste schriftliche Überlieferung über Qigong ist in einem Buch der Zhou-Dynastie (11. Jahrhundert bis 771 v. Chr.) enthalten. Im Grunde genommen dient Qigong dem Ziel der Erhaltung oder Wiederherstellung von Gesundheit, Ausdauer, Beweglichkeit, Kraft und geistiger sowie körperlicher Harmonie.
Taiji Quan war ursprünglich eine Kampfkunst (Wushu). Taiji Quan hat die Techniken der Kampfkunst und Qigong absorbiert, miteinander verbunden und so eine neue Theorie und Methode daraus entwickelt. Der harten Kampfkunst wurde eine weiche Bewegungskunst gegenübergestellt, bei der vor allem die inneren Kräfte kultiviert werden. Diese Methode mit weichen, nachgiebigen Bewegungen leitet die Kraft des Gegners gegen ihn selbst um, während man bei den harten Kampfstilen gegen die Kraft des Gegners arbeitet. Dass das Weiche über das Harte siegt, ist leicht nachvollziehbar, wenn man betrachtet, wie das Wasser jeden Stein aushöhlt.
Seit Anfang des letzten Jahrhunderts ist Taiji Quan wegen der harmonisierenden Wirkung auf den menschlichen Organismus als Methode zur Erhaltung der Gesundheit anerkannt. Das Taiji-Training vereint drei wichtige Ebenen: Gesundheit, Freude und Selbstverteidigung.
2. aus dem Umfang: Taiji hat wesentlich komplexere Bewegungen als Qigong. In der Regel gibt es bei Taiji mehrere Handformen und verschiedene Waffenformen (mit Stock, Schwert, Säbel). In China werden hauptsächlich fünf Stile von Taiji Quan praktiziert, die nach ihren Begründern benannt sind: Chen, Yang, Wu, Sun und Wu-Hao-Li.
Bei der Ausübung von Qigong haben sich über den langen Zeitraum von einigen Jahrtausenden fünf verschiedene Hauptschulen entwickelt: Das Qigong des Buddhismus, des Daoismus, der Chinesischen Medizin, der Kampfkunst und des Konfuzianismus. Jede Schule hat eigene Schwerpunkte und Übungsmethoden. In China gibt es über 10.000 verschiedenen Methoden des Qigong.
Was unterscheidet Qigong und Taiji von gewöhnlicher Gymnastik, wie sie in Europa zur Erhaltung der körperlichen Fitness eingesetzt wird?
Chen: Der Unterschied zwischen Qigong und Taiji einerseits und gewöhnlicher Gymnastik andererseits besteht darin, dass die chinesischen Methoden das innere Bewußtsein in den Vordergrund stellen. Die Gymnastik dagegen betont die Außenerscheinung statt sich auf die Vorstellungsarbeit zu konzentrieren. Qigong und Taiji widmen sich der Verbindung zwischen Geist und Körper.
Um es noch deutlicher zu machen:
1. Qigong und Taiji beinhalten Vorstellungsarbeit, Atmung und Bewegung, während die gewöhnliche Gymnastik nur die Bewegungsform betrachtet. Man kann sagen, Qigong und Taiji ohne Vorstellungsarbeit kommen der Gymnastik gleich.
2. Qigong und Taiji zielen auf das Training von Geist, Vorstellungsarbeit und Energie. Es soll erreicht werden, dass man mit der Vorstellung die Energie steuert und mit dieser Energie die Form, d.h. die Bewegungen ausführt. Die fließenden äußeren Bewegungen sind der Ausdruck für die Harmonie zwischen Geist, Vorstellungsarbeit und Energie. Die Gymnastik konzentriert sich, wie gesagt, nur auf die äußere Erscheinung und Bewegung. Deshalb ist darauf zu achten, dass bei der Ausübung von Qigong und Taiji der Aspekt des inneren Gleichklanges nicht verloren geht und daraus eine oberflächliche Art von „chinesischer Gymnastik“ entsteht.
3. Die Gymnastik versucht, den Körper durch Anregung des Kreislaufs und des Stoffwechsels zu trainieren. Bei Qigong und Taiji wird hingegen eine gewisse Verlangsamung des Stoffwechsels angestrebt, wobei weniger Energie verbraucht wird. Man könnte hier einen Vergleich zu bestimmten Tierarten vornehmen, die im Winter während der Ausübung des Winterschlafs ihren Energieverbrauch drosseln. Die Ergebnisse von EEG-Analysen legen nahe, dass das Praktizieren von Qigong zu einem besonderen Zustand der Hemmung des Nervensystems führt. Bei Menschen, die Qigong ausüben, stellte man eine deutliche Veränderung des EEG fest, und zwar vergrößerte sich die Amplitude der langsamen Alpha-Wellen. Das Praktizieren von Qigong übt eine schonende Wirkung auf die Großhirnrinde aus, weil dadurch ein Zustand der geistigen Ruhe (rujing) erreicht wird. Diese geistige Ruhe während der Übungen unterscheidet sich vom natürlichen Schlaf oder vom normalen Ausruhen. Es handelt sich dabei um einen besonderen Wachzustand bei geistiger Ruhe, um Bewegung in der Ruhe. Alle Übungen vollziehen sich unter einem besonderen Ruhezustand des Gehirns. Entspannung und Ruhe unterstützen sich gegenseitig. Die Entspannung hilft dem Übenden, zur Ruhe zu kommen, in der Ruhe kann er sich weiter entspannen. Die Übungen trainieren gleichmäßig Bewegung und Ruhe, verbinden Innen und Außen und setzen Entspannung und Spannung in einander fördernder Weise ein. Das erklärt auch die positive Wirkung von Qigong und Taiji bei diversen Erkrankungen des Nervensystems und bei Schlafstörungen.
Warum ist beim Taiji die Abfolge der einzelnen Bewegungen so genau festgelegt, während beim Qigong unterschiedliche Kombinationen und Abfolgen möglich sind?
Chen: Ursprünglich hatte auch Taiji nur einzelnen Bewegungen. Die Festlegung der einzelnen Bewegungen und ihre Verbindung zu einer komplexen Form wurde erst später entwickelt.
Auch bei manchen Qigong-Schulen gibt es längere Abfolgen von verschiedenen Übungen, wie z.B. beim Kranich-Qigong oder Wildgansqigong, u.a. Aber die meisten Schulen bleiben bei den Einzelübungen.
Die meisten Kampfkünste sind im Bewegungsausdruck schnell, kräftig und mit explosiven Sprüngen durchsetzt. Wieso wird Taiji so extrem langsam ausgeführt?
Chen: Gerade die Langsamkeit der Bewegung führt zu einer inneren Konzentration, die eine noch schnellere Reaktion und bessere Kontrolle über den Körper ermöglicht. Dies haben unsere Vorfahren über einen Zeitraum von Jahrtausenden herausgefunden und bis zur Perfektion entwickelt. Aus einem normalen Verständnis heraus sollte man schnell und kräftig trainieren, um sich schnell bewegen und kräftig schlagen zu können. Taiji geht jedoch, wie die anderen inneren Kampfkünste (Bagua, Xingyi und Yiquan), einen anderen Weg: Durch langsame Bewegung lernt man sich blitzschnell zu bewegen, und durch kraftloses Training kann man viel Kraft erwerben. Die Praxis zeigt uns, dass sich Meister des Taiji aufgrund ihrer geistigen Konzentrationsfähigkeit unglaublich schnell bewegen und explodierende Kraft umsetzen können.
In Kanada beschäftigen sich ähnliche Forschungen mit mentalem Training für Muskelbildung. Bei jenen, die mentales Muskeltraining betrieben, stellten die Forscher einen durchschnittlichen Zuwachs der Muskeln um 13,5 Prozent fest. Der Muskelzuwachs blieb noch drei Monate nach dem Ende des Trainings erhalten. Die Kontrollgruppe ohne geistiges "Workout" musste auf das Muskelwachstum verzichten.
Gibt es eigentlich einen grundlegenden Unterschied zwischen chinesischen Schülern und europäischen?
Chen: Die europäischen Schüler wollen immer vorher alles wissen und es nachher tun. Bei den chinesischen Schülern ist es eher umgekehrt.
Welche Probleme gibt es beim Üben und Unterrichten von Qigong und Taiji?
Chen: Während bei Qigong kaum Probleme auftreten, ist das Unterrichten von Taiji etwas problematischer, weil es sich hier um komplexere Bewegungsabläufe handelt, die einer gründlichen Übung bedürfen. Dazu kommt, dass viele Schüler mit einer falschen Vorstellung an die Sache herangehen. Viele glauben, schon Taiji zu beherrschen, wenn sie die Form, also den Ablauf der äußeren Bewegungen, ausführen können. Doch die Beherrschung der Form ist nur der Anfang von Taiji. Richtiges Taiji beinhaltet die Beherrschung von drei wichtigen Sachen: Theorie, Prinzipien und Übungsmethode. Ein qualifizierter Taiji Lehrer muß all diese Dinge berücksichtigen und seinen Schülern nahebringen können, wenn diese echtes Taiji lernen wollen.
Wir erleben in Europa schon einige Zeit einen Trend zu alternativen Heilmethoden. Bei welchen Krankheiten können Qigong und Taiji ganz besonders zur Besserung oder Heilung beitragen ?
Qigong und Taiji haben durch die Anregung des Qi Flusses und die Harmonisierung aller zusammenwirkenden Kräfte von Körper, Geist und Seele eine gesundheitsfördernde Wirkung, wenn sie regelmäßig ausgeübt werden. Die regelmäßige, tägliche Übung stärkt alle inneren Organe, ebenso die Wirbelsäule, Muskeln und Gelenke, reguliert den Blutdruck, den Atem und die Verdauung, fördert den Schlaf und stärkt das Nervensystem. Die Verbindung von Bewegung und Meditation führt ganz allgemein zu einem gesünderen und glücklicheren Leben. Wer Taiji ausübt, wird, wie wir Chinesen sagen, geschmeidig wie ein Kind, stark wie ein Holzfäller und gelassen wie ein Weiser.
Ich bedanke mich recht herzlich für die Genehmigung des Info Artikels bei Meister Jumin Chen
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